Anas Märchen

Erfahrungsberichte

DIE STILLE SUCHT

Wenn sie den Fernseher anschaltete und eine zu Fleisch gewordene, schlecht sinkronisierte
amerikanische Barbie sie anlächelte und sie versuchte dazu zu animieren einen Bauchtrainer zu kaufen und wenn der freundliche Herr vom RTL-Shop sie überzeugen wollte mit den Entschlackungskapseln die lästigen Pfunde loszuwerden, immer wenn die künstlich fröhlichen Weight-Watchers-Frauen über die Mattscheibe hüpften und von ihren Erfolgen erzählten, genau dann fühlte sie, dass sie zu dick war, viel zu dick.
Wo man auch hinkam redeten die Leute von ihren Diäten und ihrem persönlichen Wohlfühlgewicht.
Sie streifte ihr T-Shirt über den vom Mittagessen angeschwollenen Bauch und stellte sich vor den Spiegel. Sie hatte schon oft darüber nachgedacht abzunehmen, dann müsste sie sich im Schwimmbad nicht mehr hinter ihrem Badetuch verstecken und würde den unangenehmen, abwertenden Blicken der anderen entgehen, die sie liebevoll Mamut nannten.
Noch heute musste sie anfangen mit ihrer Diät, damit sie im Sommer schon einiges weniger wog und die Hänseleien im Badeanzug umgehen konnte.
Also strich sie Pizza und Cola von ihrem Speiseplan, sowie fetthaltige Fertigprodukte. Anstelle dessen sollten Gemüse, Mineralwasser und Sport Abhilfe von ihrem Laster schaffen.
Jeden Tag ging sie Fahrrad fahren, wobei Februar nicht der geeignetste Monat zum Outdoor-Sport war. Morgens gab’s Joghurt und Brot, Mittags Gemüse, Salat oder Suppe und Abends ertränkte sie ihren Hunger in Buttermilch.
Die Zeit verging, sie bewies Durchhaltevermögen. Die Mahlzeiten wurden kleiner, der tägliche Sportanteil größer und die Pfunde begannen zu purzeln.
Im Mai hatte sie schon 2,5 Kilo abgenommen.
Wenn ihre Freundinnen sie neidisch fragten wie sie das machte, erzählte sie stolz, dass sie ihre Ernährung umgestellt habe, doch sie erwähnte nie, dass sie abends vor Hunger nicht mehr einschlafen konnte und sie erzählte nicht von ihrer steigenden Konzentrationsschwäche.
Mit jedem Pfund das sie abnahm, nahm das Interesse an ihrer Person zu, und genau das war es doch, worauf sie zuarbeitete.
Somit beschloss sie zusätzlich zwei Mal pro Woche schwimmen zu gehen, um den ganzen Prozess noch zu beschleunigen.
Das Abnehmen hatte nicht nur Vorteile, von denen die Fernseh-Diät-Experten nicht gesprochen hatten. Ihre Nerven lagen blank, doch sie war fest entschlossen durchzuhalten und allen zu beweisen, dass sie es schaffen würde.
Als der Sommer kam, war sie immer noch dick und sie musste sich noch immer hinter dem Handtuch verstecken. Während die anderen an der Pommesbude, fettige Fritten mit doppelt Mayo in sich hineinstopften, schwamm sie tapfer ihre 20 Bahnen. Zur Sicherheit, dass auch kein Gramm fett mehr ansetzte, schluckte sie in regelmäßigen Abständen kleine grüne Kapseln aus der Apotheke, die abführend wirkten.
Im September war ihre Kleidergröße von L auf S geschrumpft, doch sie trug weiterhin große Größen, damit ihre Mutter den starken Gewichtsverlust nicht sah.
Es war das stille Verlangen einmal so auszusehen, wie die Models, wenn sie selbstverliebt von den Reklametafeln lächelten.
Ohne es selbst zu bemerken rutschte sie immer tiefer in ihre eigene Welt, ihren eigenen Wahn, in der nur noch das schlank sein zählte.
Sie verbrachte ihre Zeit in Supermärkten, um die fettärmsten Produkte herauszusuchen und am Ende doch nur einen Bruchteil von all dem zu essen. Sie vernachlässigte Schule und Freunde, konnte immer schlechter Einschlafen, weil sie schon am Abend plante was sie am nächsten Tag aß und wie sie diese Kalorien loswerden konnte.
Das Mittagessen kochte sie mit Vorliebe selbst, um zu wissen aus was es bestand und sicher zu gehen, dass keine Sahne oder andere Dickmacher enthalten waren.
Manchmal erkundigte sich ihre Mutter, ob alles OK wäre und wenn sie dann nickte, war ihre Mutter beruhigt. Sie war viel zu beschäftigt mit ihrem Job in der Anwaltskanzlei und mit sich selbst, als das sie hätte bemerken können, dass ihre Tochter sich zu Tode hungerte.
Magersüchtige werden zu zwanghaften Lügnern, ohne es wirklich zu wollen, doch sie sehen keinen anderen Weg die Mahlzeiten zu umgehen.
Auch sie erzählte oft, dass sie schon bei einer Freundin gegessen habe oder schmierte Butter und Krümel auf den Teller, um es so aussehen zu lassen als habe sie bereits fertig mit dem Essen.
Ihre Mutter und ihre Freunde wussten nix von all dem, was in ihr vorging, sie sahen nur ein abgemagertes Mädchen, das genervt und abweisend wirkte.
Ist wohl eine vorüber gehende Phase hatte ihre Mutter einmal gesagt.
Doch in Wirklichkeit hatte sich in ihrem Kopf seit geraumer Zeit etwas eingenistet, dass sie zu immer mehr Sport und weniger Essen drang, etwas, dass dünner seien wollte, noch viel dünner.
Der Herbst kam, die Temperaturen sanken und mit den Temperaturen auch ihr Gesundheitszustand.
Das Etwas in ihrem Kopf hatte die Kontrolle übernommen.
Am Anfang waren die kalten Füße, die Durchblutungsstörungen, dann kam der Schüttelfrost und schließlich blieb ihre Regel aus.
Anstelle aufmerksam zu werden, was da mit ihrem Körper geschah, was sie selbst ihrem Körper da antat, freute sie sich, denn sie hatte sich selbst und ihren Körper besiegt.
Selbstgefällig grinste sie in ihren Spiegel, vor dem sie in den letzten Monaten viel Zeit verbracht hatte, doch schlank fand sie sich noch immer nicht.
Die Zeit in der sie stolz auf die Aufmerksamkeit gewesen war und ein wenig abnehmen wollte, war längst vorbei. Sie lebte in ihrer eigenen Welt fern ab von allem, in einer Welt die aus Hunger bestand, Hunger, den sie erfolgreich unterdrückte.
Noch nie hatte sie den Winter so gehasst wie in diesem Jahr. Sie zitterte kontinuierlich und war kaum noch in der Lage sich zu bewegen, ihr Körper war eine leere, fast leblose Hülle. Der Kontakt zu ihren Freunden kriselte, da sie lustlos und frustriert vor der Heizung verweilte.
Immer häufiger wurde sie von Schwindelanfällen heimgesucht, zwei Mal war sie schon zusammengebrochen, zu ihrem Glück war sie aber mit großflächigen blauen Flecken selbst wieder aufgewacht.
Im Januar hatte sie fast gänzlich aufgehört zu essen.
Das Etwas in ihr war gewachsen, es war riesig, es beherrschte sie und auch jetzt da sie nur noch 28 Kilo wog, fand sie sich elefantös.
Sie fühlte sich von Tag zu Tag dicker und ekelte sich vor sich selbst.
Ihre Mutter machte sich ernsthafte Sorgen, unternahm jedoch nichts.
Ihre Knochen zeichneten sich unter ihrer dünnen Haut deutlich sichtbar ab und unter ihren Augen hatte sie dicke rote Ränder.
Sie schlief kaum noch, und machte mit letzter Kraft Fitnessübungen, Tags, Nachts, schlichtweg immer.
Nach einem Zusammenbruch in der Schule war sie mit starkem Untergewicht in die Uni-Klinik eingeliefert worden.
Als sie aufwachte hielt ihre Mutter ihre sehnige Hand. In ihren Arm bohrte sich eine Kanüle, die sie mit intravenöser Nahrung versorgte.
Die Mutter hatte feuchte Augen und sprach mit der jungen Ärztin die neben ihr stand.
Magersucht ist keine Sache von zwei Wochen, wir werden ihre Tochter vorerst hier behalten und sie danach in ein Therapiezentrum überweisen. Ihre Stimme klang ernst.
Ihrer Mutter rollte eine Träne über die Wange, während sie ihrer Tochter über die Stirn strich.
Sie müssen jetzt stark sein, alle beide. 




                 37 KILO


Ich hatte keine Gefühle mehr. Ich fühlte außer Hass auf diesen abstoßenden und hässlichen Körper nichts mehr, war innerlich kalt und leer.

Wie viele Mädchen im fand ich mich immer zu dick. Heute kann ich sagen, ich war nicht dick, denn 55 Kilo bei einer Größe von 1,65 kann man nun wahrlich nicht als Übergewicht bezeichnen. Ich war depressiv, verkroch mich immer Zuhause, hatte kein Selbstbewusstsein und wohl ziemlich viele Minderwertigkeitskomplexe. Irgendwann fing ich an abzunehmen. Ich war stolz auf mich und meinen neuen Körper. Rank und schlank wurde ich, mein Selbstbewusstsein stieg mit jedem verlorenen Kilo. Das Gefühl des Hungerns und die Kontrolle darüber zu haben nicht zu essen versetzte mich in einen Glückszustand. Physiologisch gesehen ist diese Reaktion normal. Auf Hungergefühle reagiert der Körper nach einiger Zeit wenn der Hunger nicht gestillt wird mit der Ausschüttung von Endorphinen um den (Hunger-)Schmerz zu unterdrücken. Ähnliche Glücksgefühle lassen sich auch während Fastenkuren beobachten.

Allerdings kippte meine Stimmung irgendwann wieder. Ich war in einer Sucht gefangen und dies wurde mir mit voller Wucht bewusst. In meinem Kopf drehte sich alles um Essen und Nichtessen und darum die Kalorien welche ich unter der Aufsicht meiner besorgten Eltern wohl oder übel zu mir nehmen musste durch Bewegung wieder zu verbrennen. Ich fror ständig, verbot mir das Stillsitzen und wenn ich schon sitzen musste, dann auf der Stuhlkante, damit an meinem Hintern auch ja kein Fett ansetzen konnte. Wenn ich las, lief ich durch die Wohnung und selbst beim fernsehen machte ich noch Gymnastik. Irgendwann bekam ich vor jeder Mahlzeit eine Panikattacke und einen Heulkrampf, wollten mich meine Eltern zu einem Bissen mehr überreden. Ich konnte nicht mehr rational denken, jedenfalls nicht wenn es um mich und meinen Zustand ging. In der Schule hatte ich so gute Noten wie nie zuvor, ich flüchtete mich ins Lernen. Irgendwann fingen meine Zähne im Kiefer an zu knacken und als ich eines Abends im Bett lag und mein Herz unregelmäßig schlug bekam ich Angst und dachte das ist jetzt das Ende. Sterben wollte ich nie, ich wollte mich einfach nur bestrafen, für diesen hässlichen Körper, mein Dasein, mein ganzes trauriges Leben.
Der Hungerschmerz übertönte meinen inneren Schmerz, wie ein Schrei drückte ich meinen innerlichen Druck mit meinem abgemagerten Körper aus.

Wie kann man in 4 Monaten 18 Kilo verlieren? Die Magersucht ist in dieser Hinsicht noch relativ unerforscht, auch die Ursachen und Auslöser dieser Krankheit lassen Fragen offen. Fest steht, dass sicher eine genetische Disposition dazu beiträgt, manche Menschen durch eine harmlos beginnende Diät direkt in eine gefährliche Magersucht zu katapultieren. Hinzu kommen soziale und psychische Faktoren welche die schließlich zur totalen Verweigerung der Nahrungsaufnahme beitragen. Gesund ist solch ein schneller unnatürlicher Gewichtsverlust für den Körper auf keinen Fall. Ein Arztbesuch brachte bei mir die Wahrheit zutage: Das Blutbild fast nicht mehr rekonstruierbar und meine Organe drohten zu versagen. Es war sehr erniedrigend mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren zu werden. Von da aus ging es sofort weiter in die Psychiatrie nach Würzburg. Dort legte man mir eine Magensonde und Infusionen, um alle lebenswichtigen Funktionen aufrecht zu erhalten. Mir war zu dem Zeitpunkt alles egal. Ich fühlte mich zu schwach um zu protestieren und irgendwie war ich auch froh die Verantwortung für mich abgeben zu können, ja eigentlich hatte ich die Kontrolle ja schon längst verloren. Die Ärzte und Schwestern setzten alle Hebel in Bewegung, damit ich überlebte. Das erschreckte mich und es war mir fremd im Mittelpunkt zu stehen.
Sechs Wochen musste ich im Bett liegen, wurde über die Sonde ernährt, durfte mich nicht bewegen und musste zunehmen. Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht mehr viel aus dieser Zeit, was wohl daran liegen mag, dass man mich zwei Wochen mit Valium und weiterhin mit Antidepressiva vollgepumpt hatte. Nach dem Absetzen des Valiums und meinem Erwachen aus dem angenehmen, ständigen Dämmerschlaf hatte ich dann viel Zeit zum Nachdenken.
Anhand der Reaktionen der Ärzte, meiner Eltern und Freunde, die alle irgendwann aus dem Nebel an meinem Bett auftauchten, begriff ich dann langsam wie nah ich am Tod vorbeigeschrammt war. Die besorgten Gesichter meiner Familie und meiner besten Freunde, ihr Weinen wenn sie mich da liegen sahen inmitten der Schläuche berührte mich und ich fühlte mich unheimlich schuldig und schlecht ihnen das anzutun. Meine Arme waren so dünn, dass die Adern oben auflagen und blau durch die dünne pergamentähnliche Haut schimmerten, die Einstiche der Spritzen und Infusionsnadeln hinterließen schlecht verheilende Wunden und blaue Flecken, mein spitzes Gesicht, meine Streichholzbeine, mein eingefallener Bauch, „mein Gesamtkunstwerk“, ein stiller Schrei, ein Hilferuf. Ich, die mich nie getraut habe eigene Ansprüche geltend zu machen, mich immer im Hintergrund gehalten hatte, nie Ärger gemacht habe, still und immer nett war, hilfsbereit, bediente mich instinktiv dieses Mittels, um aus meinem inneren Gefängnis auszubrechen, meinen Schmerz loszuwerden, mich abzureagieren. Ich wollte keinem damit schaden, also lies ich es an mir aus. Das ich am Ende damit auch wieder andere Menschen treffen sollte, damit hatte ich nicht gerechnet und es war mir sehr unangenehm.

Mit den Jahren habe ich gelernt mit meinen inneren Schmerz auf andere Weise umzugehen. Ich lasse meinen Körper in Ruhe, aber bis ich dahin gekommen bin, habe ich noch einige Zeit damit vergeudet zu hungern und mich vor der Welt zu verstecken. Irgendwann habe ich angefangen und bin unbequem für meine Umgebung geworden. Ich habe gesagt was mich stört, einengt, nervt und kritisiert. Es war erschreckend daraufhin Abweisung zu erfahren. Jetzt wo ich nicht mehr so funktionierte wie man es von mir erwartete wendeten sich einige Leute von mir ab, die mit meinem neuen Selbstbewusstsein nicht klar kamen. Ich verlor Freunde und auch mein Vater distanzierte sich immer mehr von mir. Ich war jetzt nicht mehr sein „liebes“ Mädchen, sondern ein „böses“ Mädchen. Aber was hat er von seiner lieben Tochter, wenn sie sich tothungert? Es hat einige Zeit gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ich nicht böse bin wenn ich meine Rechte einfordere oder meine Meinung loswerde. Dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss wenn ich kritisiere, streite, diskutiere.
Es war ein langer Weg bis dahin wo ich heute stehe. Ich bin stärker geworden, habe mich durch viele Therapien gequält und dadurch immer besser kennengelernt. Ich glaube mein Weg hat meine Persönlichkeit geformt. Ich bin durch das was ich mir angetan habe, dadurch dass ich schon einmal ganz unten war und durch die Erfahrung der Hilfe die mir gegeben wurde bis ich meinen Weg wieder alleine gehen konnte, gewachsen. Ich habe keine Angst mehr vor dem Leben, denn schlimmer kann es nicht wieder kommen. Ich habe Erfahrungen gesammelt, viele (kranke) Persönlichkeiten kennengelernt, Schicksale gesehen, in menschliche und psychische Abgründe geschaut, Freundinnen an diese verdammte Magersucht verloren, aber auch Heilung gesehen, wieder entdeckte Lebensfreude geteilt und jahrelange Freundschaften geschlossen. Ich denke nicht dass die Jahre des Hungerns verlorene Jahre waren. Eigentlich bin ich dankbar dass alles so gekommen ist, denn sonst wäre ich jetzt nicht die die ich bin.




DAS MÄDCHEN MIT DEN FLIEGENBEINEN


Jeden Tag dasselbe Bild: schlabbernde Hose, viel zu große Jacke, eingefallene Wangen- Annika hat Magersucht.



Ich habe mich an den Anblick gewöhnt und erschrecke doch, wenn sie auf ihren Fliegenbeinen an mir vorbei stakst, den mit Schulbüchern überladenen Rucksack geschultert. Er wirkt viel zu groß für ihren Rücken.
Wenn Annika dünne Sweatshirts trägt zeichnen sich ihre Schulterblätter deutlich unter dem Stoff ab. Oft kommt das allerdings nicht vor. Die meiste Zeit hüllt Annika ihren ausgemergelten Körper in flauschige Pullis- ihr ist ständig kalt.
Wer sie sieht könnte sie für zwölf halten, dabei feiert sie in diesem Sommer ihren achtzehnten Geburtstag. Schon zweimal wurde sie vom Aufsicht führenden Lehrer auf den Unterstufen- Schulhof geschickt weil sie wie eine Schülerin der siebten Klasse wirkte.
Kaum vorstellbar, dass Annika früher ein normales Leben führte, dass sie nicht schon immer das Mädchen mit Kleidergröße 32 und knapp 40 kg Körpergewicht war.

Früher, als Annika und ich uns ewige Freundschaft schworen. Früher, als ein knuspriger Heidelbeer- Pfannekuchen noch das pure Glück bedeutete. Früher, ja, da war alles anders. Da war Annika noch das Pummelchen das neben mir, der schlanken Freundin, scheinbar zurückstand. Ihr Gewicht war für Annika trotzdem kein wirkliches Problem. Sie hatte ein gesundes Selbstbewusstsein, ihr war egal was andere von ihr dachten. Dieses Selbstbewusstsein machte es Annika schwer, in der Grundschule Freunde zu finden. Oft wirkte sie arrogant und uninteressiert an ihren Mitschülern. Im Kindergarten war ich da gewesen. In der Grundschule war Annika ganz allein.
Aufgeregt fieberten wir dem Schulwechsel aufs Gymnasium entgegen. Der Augenblick, der eine neue Ära einläuten sollte in der wir uns wieder täglich sehen konnten. Die neue Ära begann- allerdings anders, als wir beide uns das je vorgestellt hätten.
Von Natur aus Kontaktfreudiger freundete ich mich bald mit mehreren Mitschülern an, fand in Lisa eine neue Seelengefährtin. Annika passte nirgendwo wirklich hin. Sie war immer noch sehr kindlich. Bei unseren Diskussionen über Klamotten und Jungs konnte sie nicht mitreden. Annika war eifersüchtig auf meine Freundschaft mit Lisa. Wir entfremdeten uns immer mehr. Es kam die Zeit in der wir, eine mittlerweile eingeschworene Clique, begannen Annika nervig und kindisch zu finden. Wir versuchten ihr aus dem Weg zu gehen, verabredeten uns ohne sie. Aus Mitleid und weil unsere Eltern, die mit Annikas Mutter befreundet waren, uns zwangen, starteten wir zwischendurch diverse Versuche, Annika ein wenig „cooler“ und mehr „trendy“ zu gestalten. Zwecklos. Zwei Tage lang benutze Annika Lidschatten und erwog, zum Frisör zu gehen. Dann hingen ihre Haare herunter wie jeden Tag. Ihre Augen blieben ungeschminkt.

Während ich neue Freunde fand und interessante Hobbies entdeckte, beschloss Annika, dass sie abnehmen würde. Dabei spielte die Hoffnung auf mehr Beliebtheit sicher eine wichtige Rolle.
Am Anfang bemerkte niemand den Unterschied. Ich hatte nicht mehr viel mit Annika zu tun, achtete also nicht besonders auf Veränderungen. Bis meine Mutter Annika nach längerer Zeit wieder traf und hinterher sagte: „Ist dir noch nicht aufgefallen, wie Annika abgenommen hat? Es sieht richtig gut aus.“
Von da an beobachtete ich Annika genauer und stellte fest: meine Mutter hatte recht, Annika hatte abgenommen und es sah nicht schlecht aus.
Das reichte Annika jedoch nicht. Sie nahm stetig weiter ab, versuchte, ihrem Körper durch den Gewichtsverlust mehr Form und Konturen zu geben.
Als Annikas Eltern endlich auf die Warnrufe verschiedener Bekannter reagierten, war es bereits zu spät. Annika war besessen von ihrem Gewicht. Sie wurde noch verschlossener als zuvor und steckte ihre ganzen Bemühungen in den Kampf um Kilos und in die Schule. Ehrgeizig war sie auch früher gewesen. Jetzt nahm ihr Ehrgeiz neue Dimensionen an. Sie musste die Beste sein, musste in allem Recht haben und lag sie doch einmal falsch war sie beleidigt.
Natürlich machte sie sich unbeliebt. Es hagelte gehässige Kommentare von Mitschülern, die sich durch ihre permanente Besserwisserei provoziert fühlten. Hilflos sah ich mit an, wie Annika sich selbst ins Abseits drängte. Manchmal, wenn ich sie mal wieder um ihre Schulnoten feilschen sah, konnte ich meine Mitschüler verstehen. Ich selber fühlte mich auch genervt. Doch oft, wenn Annika auf den Fluren merkwürdig angeschaut wurde oder man hinter ihrem Rücken über sie lästerte, tat sie mir einfach leid.
Zwei Jahre ging es hin und her. Mal versprach Annika ihren Eltern zuzunehmen, dann wieder aß sie noch weniger als sonst.
Annikas Eltern setzen große Hoffnungen in einen Klinikaufenthalt, dem Annika schließlich zustimmte. Als sie entlassen wurde, hatte sie nur 1,5 kg zugenommen- nichts hatte sich gebessert.
Im letzten Jahr dann ein neuer Streifen am Horizont: Annika entschloss sich zu einer richtigen Therapie. Drei Monate verbrachte sie in einer Klinik für essgestörte Jugendliche, fand neue Freunde und nahm zu. Als sie zurück in die Schule kam war sie wie verwandelt. Sie legte sich eine neue Frisur zu, schminkte sich, kleidete sich ihrem Alter entsprechend. Ich freute mich für sie und war doch skeptisch. Hatte sie sich wirklich verändert? Würde sie es schaffen, gegen ihre Magersucht anzukämpfen? Der Rückfall ließ nicht lange auf sich warten. Annika nahm wieder ein wenig ab, hörte auf, sich mit ihrem Aussehen Mühe zu geben und wurde wieder zu der Person, die sie vor der Therapie gewesen war.

An dieser Situation hat sich seitdem nichts mehr geändert. Die meisten Menschen reagieren auf Annika mit Unverständnis und Aggressivität.
Sie alle sehen Annika tagtäglich an ihrem Körnerbrötchen knabbern, belegt mit einer Scheibe Käse ohne Butter. Erst werden die Körner einzeln abgenagt, dann wird das Brötchen aufgeklappt und beide Hälften einzeln gegessen.
Sie alle erinnern sich noch an die Zeit von Annikas Zwangneurosen, als sie ständig die Treppe in der Pausenhalle auf und ab lief und fünfmal in einer Pause den Vertretungsplan kontrollierte.
Was sie nicht sehen, ist die Verzweiflung von Annikas Mutter, wenn sie sich mit meiner Mutter unterhält. Wie Annika ihr verbietet, mit anderen Personen über sie zu reden. Wie Annika sich weinend auf das Sofa wirft und über mangelndes Vertrauen klagt, sobald ihre Mutter mal weggehen will.
Sie sehen auch nicht Annikas Verwunderung, dass sie ihre Periode noch nie hatte. Nur eine Frage der Zeit, bis es soweit ist, glaubt Annika.
Dreieinhalb Jahre bewegt sie sich nun schon in ihrer Welt aus Kalorienzählen, heimlichen Sportübungen und Einsamkeit. Wie viele Jahre werden noch folgen?





HUNGERN UM JEDEN PREIS


Ein kleiner Rückblick, in eine Krankheit, die kein Spiel ist



Wir haben April, ich trage einen Schal und eine dicke Jacke. Trotzdem friere ich fürchterlich. Meine Hände frieren und die Haut auf meinem Handrücken ähnelt Pergamentpapier. Auf meinen Wangen liegt ein frostiger Flaum und der Wind scheint mir durch den Körper zu pfeifen. Ich komme mir klapprig, schwach und zerbrechlich vor.
Gerade in diesen Tagen herrscht starker Wind und dabei wünsche ich mir den Sommer doch so herbei…. Endlich Röcke tragen, in denen man meine dünnen Oberschenkel und meinen dünnen Hintern nicht sieht. Endlich nicht mehr angesprochen werden… Wut steigt in mir hoch. Ich würde so gerne all meine Jeans wegschmeißen, denn sie passen nicht mehr. Sie schlackern und ohne Gürtel würden sie herunter rutschen. Aber zunehmen, um wieder hinein zu passen, um wieder eine weibliche Figur zu bekommen, will ich um keinen Preis. Nein, obwohl ich klapprig bin und zerbrechlich aussehe, gefalle ich mir. Und sowieso war ich früher „fett“!
Jeden Tag dasselbe Spiel: sich morgens aus dem Bett quälen, aber voller Vorfreude. Voller Vorfreude darauf, zu sehen, was die Waage anzeigt. Wieder ein paar Gramm weniger. Braves Mädchen, böses Mädchen… Warum nur ein paar Gramm? Das könnte mehr sein..
Dann überlege ich, wie jeden morgen, was ich essen darf, und was nicht. Um jedes Gramm wird gekämpft. Bloß nicht zu viel. Am besten nichts. Und wenn ich essen muss, weil ich unter Kontrolle stehe, zwinge ich mich, Sport zu treiben. Bis zur Erschöpfung treibe ich Sport, nur um die Kalorien loszuwerden. Aber wenn ich nicht unter Kontrolle stehe, nutze ich jede Gelegenheit aus Essen einzusparen.
Meine Beine tragen mich kaum noch den unglaublich steilen Berg hinauf. Ich habe das Gefühl, als würden sie jeden Moment schlapp machen und ich würde dann wie eine hölzerne Marionette zusammen fallen, der man die Schnüre durchgeschnitten hat. Ich habe schrecklichen Hunger und schaue gierig in die Schaufenster der Bäckereien und Konditoreien, an denen ich vorbei gehe.
Als ich an der dritten vorbei komme, gehe ich hinein. Ich kaufe mir ein Brötchen. Es ist noch warm und wärmt mir meine eiskalten Hände. Ich achte immer peinlichst darauf, dass keiner meine Hände berührt, dass keiner merkt, was mit mir „los ist“.
Zu gerne würde ich in das Brötchen beißen, aber ich kann nicht. Die böse Stimme in mir verbietet es mir, sie treibt mich an, durchzuhalten. Warum essen, wenn du auch ohne kannst, sagt sie.
Ich höre auf sie, gebe ihr Recht und nehme das Brötchen zerpflücke es in kleine Stücke und streue es auf die Straße.
Alle machen sich furchtbare Sorgen um mich und vielleicht ist es auch das, was ich immer wollte, aber je mehr ich drüber nachdenke, desto mehr tut es mir Leid. Ich möchte ihnen ja nicht wehtun und ihnen Sorgen bereiten, aber ich kann nicht anders. Können sie das denn nicht verstehen? Diese Angst, dick zu sein, ist größer, als dass ich ihr nachgeben und anfangen könnte zu essen.
Ich hungere weiter, um jeden Preis…

Heute:

Ich habe meine Magersucht beinahe überwunden. Ich esse normal und mag mich selber. Und ich meine es ernst, wenn ich das sage. Die Leute sprechen mich nicht mehr darauf an, nur um mir zu sagen, dass ich immer besser aussehe. Und wenn ich mal ein paar Gramm oder auch ein Kilo zunehme, stört mich das vielleicht ein ganz klein bisschen.
Warum die Einsicht? Durch langes Kämpfen gegen meine Sucht und meine innere Stimme habe ich erfahren, dass mein Körper mir gehört und er es nicht verdient hat, solchen Spielchen ausgesetzt zu sein. Immerhin ist er einmalig.




WENN LEBEN WEHTUT
Irgendwie sich selbst wieder finden...



Rückblick

Ein kleines Mädchen liegt in seinem Bett. Es grübelt, anstatt zu schlafen. Es überlegt, was es falsch gemacht hat an diesem Tag. Irgendetwas findet sich schon. Und dann weiß sie wieder, dass sie anders werden muss. Sich verändern, das ist ihr Lebensziel seit sie denken kann.

Sie ist zehn. Und allein. Hat nur eine Freundin auf der neuen Schule. Nicht, weil die anderen sie generell nicht leiden können. Sie kann die anderen nicht leiden. Sagt sie. Und ärgert. Bereut dies dann später. Und lästert. Bereut. Und ist gemein. Und bereut. Und weiß genau, so will sie nicht sein. Gibt der Freundin insgeheim die Schuld daran. Kann nicht mehr raus aus ihrer Rolle. Sie ist jetzt uncool.

Mit elf legt sie keinen Wert mehr auf Freundschaften. Allein sein ist gut. Ist Ruhe, ist Frieden, ist Tun und Lassen was sie will. Ist Fernsehen und essen und Familie und Kind sein, welches sie nicht mehr sein darf. Ihre Eltern lassen sie, auch wenn es ihnen nicht ganz normal vorkommt. Aber sie ist nach außen hin relativ ausgeglichen. In ihr tobt es. Sie entwickelt Ängste. Sie hat Angst in die Schule zu gehen. Sie weint, wenn die Ferien vorüber sind. Sie kann es nicht erzählen, es ist zu verrückt. Sie redet sich ein, zu dick zu sein. Ein Spiel, ein neues Spiel, Magersucht und Bulimie, brennendes Interesse an dieser mysteriösen Krankheit, an diesen Menschen, die nur noch mit Samthandschuhen angefasst werden, um die sich alle sorgen und kümmern. Die einfach perfekt und schön sind.

Die nächsten Jahre findet sie Disziplin, Ehrgeiz wieder. Die Zeugnisse werden immer besser. Sie immer unglücklicher. Mit dreizehn ist sie eine der ersten, die weiblich werden. Die runde Hüften und dickere Pos kriegen. Und das tut ihr weh ohne Ende. Ihre Brust bleibt dagegen klein. Sie ist völlig normal, aber sie sieht es nicht. Sie fühlt sich unfertig, nicht begehrenswert, nicht normal. Normal ist sie sowieso nicht. Sie quält sich gern selbst, mit Gedanken, mit Kratzen.

Mit vierzehn versucht sie, sich den Finger in den Hals zu stecken. Das Spiel in die Praxis umzusetzen. Das Interesse an den Krankheiten wächst. Ihre Eltern wundern sich, aber denken sich nicht allzu viel. Freunde hat sie wieder, aber sie spielt ihr „normales Leben“ nur. Normal, um niemandem Sorgen zu machen. Und dann wieder das Mädchen, dass abends weint, weil es zur Schule muss, dass sich alles merkt, was gegen sie geht und das Mädchen, das weiß, dass es viel zu dick ist, auch wenn es niemand sonst so sieht. Sie frühstückt nichts mehr und versucht zu hungern. Sie scheitert. Und hasst sich selbst. Die Tage an denen sie wenig isst, sind selten. Ihr Essverhalten gerät aus dem Lot. Sie schluckt irgendwelche Tabletten und bereut es dann, versucht, sie wieder herauszuwürgen. Es gelingt, sie weiß nun, wie man sich erbricht. Von nun an tut sie es häufiger. Magersucht und Bulimie, Spiel, Beschäftigung für ein kleines Mädchen, das sein Leben leer findet.

Mit fünfzehn wird es plötzlich besser. Sie bekommt eine Hauptrolle in einem Musical, sie darf zeigen, dass sie tanzen kann, sie hat ein Ziel. Sie findet Freunde, die nicht so sind, wie die in der Schule. Sie setzt sich ein Ziel. Bis zur Aufführung will sie sehr schlank sein, aber auf keinen Fall zu dünn, damit sie trotzdem mittanzen darf. Es klappt. Sie wird dünner. Sie hat es plötzlich, wie sie sagt, unter Kontrolle. Sie merkt nicht, dass sie die Kontrolle eigentlich verliert. Zur Aufführung hat sie ein wenig Untergewicht, wird endlich darauf angesprochen, aber nur, ob der Stress sie etwas abnehmen hat lassen. Klar, sagt sie, das wird wieder. Natürlich.
Nach der Aufführung: Klassenfahrt. Völlige Verzweiflung eine Woche lang. Allein. Nur eine Freundin. Essen. Stress. Essen. Panik. Sommerferien, Essen. Abnehmen. Abführmittel, Planung. Fressen, Nicht-Essen, alles. Eine Mahlzeit am Tag. Einschränken. Eine Mahlzeit, die viermal so groß ist, wie normal. Sie nimmt zu. Kommt wieder. Ihr Vater ist froh, beruhigt. Sagt ihr das. Sie merkt, dass sie zugenommen hat. Dann Praktikum. Innerhalb von drei Wochen geht sie von fast normal auf nur Obst und Brot herunter. Und wird endlich dünn. Man sieht es jetzt. Man sorgt sich endlich. Nur will sie diese Sorge nicht mehr. Sie will ihre Ruhe, nichts darf das neue Gefühl gefährden. Anstatt endlich zu zeigen was sie erreicht hat, hüllt sie sich in ihre weite Kleidung, damit es keiner sehen kann. Es gehört ihr. Ihr allein. Es gefällt ihr trotzdem, dass sich die Menschen sorgen. Aber es nervt sie gleichermaßen.
Herbstferien. Schlechte Stimmung. Weil jeder weiß, was los ist. Der Vater wird verrückt vor Sorge. Die Mutter ist zuhause, auch sie hätte sich gesorgt, wenn sie ihre Tochter so gesehen hätte. Am Strand, im Pullover. Ihr ist ständig kalt. Die Planung wird immer schwerer, jeder beobachtet was sie isst. Sie erbricht. Und nimmt weiter ab. Am Ende des Urlaubs erzählt sie ihrem Vater alles. Nachdem der zweimal fragen musste. Sie kann nicht mehr lügen. Das Lügen ist nicht ihre Sache, sie lügt nicht. Nur die Krankheit ließ sie lügen.
Zuhause ist die Mutter erschrocken. Das Kind muss zur Therapie. Dort geht sie einmal in der Woche hin ohne dass es ihr irgendetwas bringt. Aber sie beginnt zu kämpfen. Sie darf essen was sie will, nur abnehmen darf sie nicht weiter. Dünn wie sie ist, hält sie ihr Gewicht genau ein Vierteljahr konstant. Konstant gering. Und sie kämpft. Sie erbricht sich nicht mehr, keine Heimlichkeiten mehr, kein Betrug. Es ist schwer. Sie kämpft. Sie friert den ganzen Winter. Von innen und außen. Dann wird sie sechzehn und beginnt wieder normal zu essen. Und nimmt schnell zu.

Zu schnell. Ihr Leben verliert wieder an Halt, sie hasst sich selbst. Versucht, wieder zurückzukehren zu ihrer Sucht und kämpft nicht mehr. Erbricht sich wieder. Schluckt wieder Abführmittel. Ohne Erfolg. Sie bleibt „fett“. Aber ihre Gefühle ändern sich nicht. Sie hasst sich selbst. Mittlerweile ist sie aus ihrer Klasse raus und in einer neuen, wesentlich besseren Stufe. Sie fühlt sich akzeptiert. Im Mai verliebt sie sich. Beginnt, sich zu mögen. Ein bisschen. Ab November ist ihr Leben normal. Sie genießt es so sehr, nicht über ihr Essen nachzudenken. Sie nimmt wieder ab. Merkt, dass sie wieder in einen Strudel gerät und vermeidet selbst, dass es schlimmer wird. Weiß jetzt, wofür sie lebt.



Heute

Mir geht es gut. Ich kämpfe. Ich lebe endlich wieder. Es hat sich was verändert. Ich sage, dass ich mich mag und meine es ernst. Zum ersten Mal in meinem Leben stehe ich zu mir selbst. Habe gelernt mich und andere zu lieben. Mich nicht zu verkriechen in meine kleine Welt, wenn das Leben mal schwer ist. Ich denke, ich bin das beste Beispiel dafür, dass es sich lohnt zu kämpfen

Schrumpfe deinen Körper


Wenn man Julia gegenüber äußert, dass sie gut aussieht, begeht man einen großen Fehler,



obwohl man die Wahrheit sagt. Jedes Kompliment, das ihrem Körper gilt, ist für das 17jährige Mädchen ein Stich mitten ins Herz. Der Körper gehört nicht zu ihr. Er ist ihr größter Feind. Ich möchte meine Seele vom Körper lösen, diesem so verhassten Etwas, erzählt sie mit leerem Blick. Dieses Stück Fleisch benutze ich doch nur, um mit dem körperlichen Schmerz den seelischen zu bekämpfen. Julia trägt Docs und hat grüne Haare, ist 1,60m groß und wiegt 47 kg. Das ist wenig, aber in ihren Augen viel zu viel. Eines ihrer Ziele ist der totale Zusammenbruch, ihr Wunsch ist es, jung zu sterben. Dieser Wunsch wird vielleicht in Erfüllung gehen, wenn sie weiter lebt wie bisher. Entweder sie isst monatelang überhaupt nichts oder sie erbricht alles, was sie zu sich nimmt.
Die totale Kontrolle über ihren Körper möchte die Realschulabsolventin haben, sie will ihm um keinen Preis zum Opfer fallen. Darum verweigert sie die Nahrungsaufnahme. Ein Paradox in sich. Aber für Julia völlig logisch und praktische Realität, Hungern ist für sie genauso normal wie für andere das Essen.
In ihrem Gesicht ein hämisches Grinsen, der Blick irgendwo in anderen Welten. Sie hat keine Probleme. Mir geht es gut. Ich fühl mich wohl. Auch, wenn andere sie krank nennen. Auch, wenn Eltern und Freunde wollen, dass sie eine Therapie macht. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder normal zu essen. Ich will das auch gar nicht. Einmal war ich bei einer Ernährungsberaterin, aber das hat nichts gebracht. Was sie sagte, ging zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus. Ich will ja gar nichts ändern.
Laut den Diplompsychologen Andreas Schnebel und Patricia Bröhm leiden 3 Millionen Frauen allein in Deutschland an der Fress-und-Brech-Sucht Bulimie, jede Hundertste der Frauen zwischen 14 und 25 ist magersüchtig.
Im Fernsehen werden wir über das Thema ständig auf dem Laufenden gehalten, in Talkshows geben sich spindeldürre Mädchen die Klinke in die Hand. Bei Julia fing alles durch eine Talkshow an. Als bei Arabella über Bulimie gesprochen wurde, war sie begeistert von dieser Abnehm-Methode und rannte somit als 12jährige das erste mal nach dem Essen auf die Toilette, um alles wieder auszubrechen.
Talkshows animieren aber nicht nur zur Nachahmung, sondern verbreiten auch ein sehr unvollständiges Bild von Essstörungen. So wird immer wieder davon gesprochen, dass der Schönheitswahn Schuld an Magersucht sei. Es heißt, die Mädchen wollen um jeden Preis dünn sein.
Julia will nicht dünn sein, sie will vollkommen verschwinden, ihren Körper zerstören. Dass sie nichts isst, ist gezielte Auto-Aggression. Sie führt einen Krieg gegen ihre körperliche Hülle - und das seit fünf Jahren.
Während sie erzählt, geht eine Ratte auf ihrer Schulter spazieren. Von diesem Haustier weiß ihre Mutter nichts. Ihre Mutter hat vieles falsch gemacht. Sie behandelt mich nicht wie eine Gleichberechtigte, sondern wie ein kleines Kind. Ich muss mich an alle Abmachungen halten, aber sie natürlich nicht. Ich fühle mich permanent verarscht von ihr. Zwischen uns herrscht ein richtiger Konkurrenzkampf. Julia kämpft mit gefährlichen Waffen. Ihre Mutter findet sonst immer einen Weg, sich durchzusetzen, doch gegen Julias Nahrungsverweigerung kommt sie nicht an. Julia kann nicht aufgeben. Wenn sie aufgibt, hat sie verloren. Drum muss sie weiterhungern.
Ihr permanentes Grinsen scheint die Unsicherheit überspielen zu wollen. Auf dem Bett sitzend hat sie die Beine nahe an ihren Körper gezogen. Sie stockt kein einziges mal beim Erzählen, genauso gut könnte sie über´s Wetter sprechen: Eine andere Möglichkeit, wieso es eventuell dazu kommen konnte, ist, dass ich oft dieses Versager-Gefühl hatte. Als ich mit dem Kotzen anfing, hatte ich endlich einmal Erfolgserlebnisse. Dann, wenn ich mich auf die Waage stellte. Es war eine gute Zeit.
Abhängig vom Hungern ist sie überzeugt davon, ihre Unabhängigkeit zu verlieren, sollte sie das Essen wieder aufnehmen. Ein Denkfehler fällt ihr hierbei nicht auf. Ohnehin kreisen ihre Gedanken permanent um das Essen und um das Abnehmen. Ablenken kann sie sich nur dann, wenn sie mit anderen Leuten spricht. Sobald sie alleine ist, wird sie von ihrem Körper verfolgt.
Meistens fühle ich mich wie berauscht, berichtet sie mit gelassener Stimme. Ich bekomme kaum mehr etwas von meiner Umgebung mit. Alles dreht sich um Hungern, Essen und Kotzen. Das Leben zieht an mir vorbei.
Das Punk-Mädchen ist verliebt. Ihr Freund macht sich große Sorgen, doch Julia möchte mit ihm nicht über das Thema sprechen. Ich weiß nicht, ob ich es für sonderlich gut halten soll, dass er sich so intensiv damit beschäftigt. Sie will ihn um keinen Preis verlieren, doch trotzdem würde sie für ihn nie das Hungern aufgeben, das sich-weg-Hungern.
Ich hasse meinen Körper flüstert sie und schließt die grün-braunen Augen. Der Gedanke, mich selbst zu zerstören, fasziniert mich. Irgendwie scheint das meinem Dasein einen Sinn zu geben, das ich darüber nachdenke, wie ich sterbe. Julia begeht Selbstmord. Eine sehr, sehr langsame Art des Selbstmordes.
Das Wort Magersucht gefällt ihr nicht. In ihren Augen ist es auch keine Krankheit, lediglich eine Krankheit für ihre Umgebung. Magersüchtig bin ich nicht. Sich umbringen und dünn sein wollen, das ist ein großer Unterschied. Darum findet sie es auch schade, dass der Großteil der Gesellschaft glaubt, die sogenannten Magersüchtigen würden einfach nur einem Schönheitsideal hinterher rennen. Von Schönheitsidealen hält Julia nichts und rebelliert mit ihrem Grunge-Look gegen die Mode. Ich habe das Gefühl, dass immer mehr Menschen anfangen, andere auf ihren Körper zu reduzieren. Ich komme mir nicht mehr wie ein individueller Mensch vor, sondern wie etwas, das andere erschaffen und führen, wie sie es gerne hätten.
Julia möchte ihren Körper verschwinden lassen, damit sie niemand mehr darauf reduzieren kann. Das ist ihre Art, sich gegen die allgemeine Körperbezogenheit der Menschen aufzulehnen. Und darum wird sie so lange nichts mehr essen, bis nichts mehr von ihr da ist. Nur noch Knochen. Und Knochen fühlen nicht.





DAS SIEHT MAN GAR NICHT,ESSGESTÖRTE SIND DÜRR WIE SKELETTE UND NIBBELN NUR AN SALAT... Oder?



Ich kriege immer wieder zu hören Das sieht man Dir gar nicht an! Auch wenn ich dasitze und eine riesige Pizza mit doppelt Käse verdrücke, dabei munter über meine Essstörung plaudere und danach nicht im Bad verschwinde, schütteln die meisten den Kopf und ich sehe was in ihren Köpfen vor sich geht:
Die will sich doch bloß aufspielen!
1,80 m und 70 kg. Völlig normal, nichts außergewöhnliches. Sieht man von der Tatsache ab, dass ich auf einen Schlag 12 kg in zwei Monaten abgenommen habe.
Im Moment ein Ruhepunkt. Aber ich weiß, die 70 kg müssen gehalten werden, rutscht das Gewicht tiefer, wird die Talfahrt weitergehen.
Die Pizza ist unten. Sie liegt im Magen wie ein Stück Blei und ich merke förmlich, wie sich jedes einzelne Fettmolekül in meine Blutbahn schiebt und von dort aus in mein Unterhautfettgewebe wandert.
Wie viele Kalorien habe ich gerade in mich aufgenommen? Ich weiß es nicht, ich weiß nur: Es sind viel zu viele.
Auch den nächsten Tag verbringe ich mit Freunden, es wird weitergegessen, diesmal Nudeln mit Sahnepesto. Öl ohne Ende und rein gefühlsmäßig wiege ich schon 3 Kilo mehr. Das schlechte Gewissen schwebt über mir wie ein Damoklesschwert, das immer tiefer sinkt. Ich glaube nicht mehr in meine Kleider zu passen, glaube wieder dicker zu werden, glaube unästhetischer zu werden, fühle mich schwer, schlapp, müde, dick, unästhetisch, wie ein Nilpferd und dann ziehe ich die Bremse:
Aus! Schluss! Ich kann nicht mehr!
Tut mir leid, ich kann heute Abend nicht mitkommen, ich muss noch lernen. Nein, morgen ist auch ganz schlecht, die ganze nächste Woche ist ziemlich stressig, ich hab keine Zeit.
Doch, die habe ich!
Ich habe diese Zeit um mich vor allen Esszwängen zu schützen, mich in meiner Wohnung einzuschließen und mich eine Woche lang auf Hühnersuppe, Wasser und Tee zu setzen. 200 Kalorien täglich, ein Zehntel dessen was ein Mensch am Tag benötigt.
Nach einer Woche ist das schlechte Gewissen besiegt, ich traue mich wieder unter Leute, denn ich darf wieder etwas essen. Bis das ganze wieder von vorne losgeht.
Bulimie: Das Essen ungeschehen machen.
Ein ständiger Dialog in meinem Kopf:
Du bist völlig verrückt, Du weißt genau, dass Du nicht zu dick bist! Du musst mehr essen, Du musst regelmäßiger essen!
Vom Gewicht her bin ich nicht zu dick, aber ich sehe noch völlig unästhetisch aus! Das Essen tut mir nicht gut, ich bin energiegeladener, wenn ich nichts im Magen habe. Essen zieht mich so runter!
Ich weiß dass ich ein Problem habe, deshalb kann ich auch darüber reden, aber es gibt immer noch das Teufelchen auf meiner Schulter, das mich von einer gesunden Einstellung zum Essen fernhält.
Mag ja sein, dass man es mir nicht ansieht, nicht anmerkt.
Aber genau darin liegt doch der Trick eines Essgestörten!




DIE KRANKHEIT STEHT IMMER VOR DER TÜR
Eine Freundin, die durch einen Apfel wieder zum Leben erwachte...



Sie fing in unserer Firma an zu arbeiten. Auf Anhieb haben wir uns sehr gut verstanden. Es fiel mir nach und nach auf, dass ich sie nie etwas essen sah. Wir waren viel unterwegs, lernten uns langsam immer besser kennen. Nur sie aß nie etwas. Ich sprach sie nie darauf an. Sie erzählte mir immer, wenn ich sie abholte, sie hätte grad mit dem oder bei dem etwas gegessen. Klar, war in Ordnung.
Dann fuhren wir gemeinsam übers Wochenende weg. Wir waren praktisch Tag und Nacht zusammen. Mittags gab ich ihr dann was von meiner Tagesration. Einen Apfel! Sie nahm ihn und tat weiter nichts. Stunden später machte ich sie dann darauf aufmerksam, dass sie eigentlich immer noch nichts gegessen hatte.
Was dann geschah hab ich heute noch vor Augen. Sie nahm den Apfel und würgte ihn runter. Wie wenn sie was ganz widerliches essen müsste. Ich konnte es gar nicht mit ansehen. Ich bin jetzt auch nicht gerade DER Obstesser, aber so was hatte ich noch nicht gesehen. Sie kämpfte über eine halbe Stunde mit dem Apfel.
Später erzählte sie mir dann, dass sie nichts essen konnte. Wir kannten uns zu der Zeit ein Vierteljahr und hatten schon viel durchgemacht, hatten uns schon viel erzählt, nur über dieses Thema herrschte bis dato Schweigen. Sie fing einfach an mir zu erzählen, dass sie einfach nichts essen kann. Sie aß überhaupt nichts, vielleicht mal abends eine Tafel Schokolade, die musste allerdings aus dem Kühlschrank sein.
Ich gab ihr den Tipp, dass ich ihr helfen würde, das ich mir was einfallen lasse und sie nicht im Stich lassen werde. Dachte zuerst, klar, da kochst jetzt mal was für sie, sitzt dich zu ihr hin und das wird dann schon! Wie Naiv man sein kann!
Ich erkundigte mich nach Möglichkeiten und gab ihr eine Anlaufstelle. Sie wusste von solchen Stellen, ihre Eltern hatten das auch schon versucht und waren gescheitert. Deshalb hatte sie auch ihren Job gewechselt und war in eine andere Stadt gezogen um den Konfrontationen mit ihren Eltern und Freunden aus dem Weg zu gehen.
Ich bekam auch Wochen später einen entrüsteten Anruf von ihrer Mutter, die mir bis dato noch unbekannt war, ob das stimmt, dass sie letztes mal wirklich eine halbe Semmel gegessen hatte. Sie war auch ganz stolz, dass sie was gegessen hatte, scheinbar hatte sie das dann sofort ihrer Mutter erzählt, um ihr zu beweisen, dass an ihren Vorhaltungen nichts dran war.
Ja die Semmel hatte sie gegessen, in der Zeit hätte ich 2 verdrückt.
Sie nahm nach langen Hin und Her das Angebot an und ging zu dieser besagten Anlaufstelle. Allerdings spitzte sich die Lage zu, die Therapie ging an ihre Grenzen, sie wurde schwächer.
Der letzte Ausweg war ein stationärer Aufenthalt.
Sie war drei Monate in Therapie. Ihren Job hat sie dadurch verloren. Sie nahm dort 10 kg zu. Lernte in der Zeit ihren jetzigen Freund kennen, hat seit November ein Baby. Kann wieder essen, allerdings nicht allein. Meistert ihr Leben wirklich super. Aber die Krankheit steht immer noch vor der Tür.


WIESO KOTZT EIN MENSCH???


Wieso kotzt ein Mensch sein Essen aus?
Es ist schon bescheuert, abstrakt und traurig, warum ein Mensch frisst und dann kotzt.


Es ist schon bescheuert, abstrakt und traurig, wenn man überlegt, aus welchen Gründen auch immer ein Mensch anfängt, zu fressen und zu kotzen.

Manchmal zählt es nicht, ob etwas richtig oder falsch ist, sondern das, was uns weiterleben lässt. Manchmal.

Sie wurde vergewaltigt, es wurde mit ihr etwas gemacht, das sie nicht wollte, sie hatte keine Kontrolle mehr darüber, wie ihr wehgetan wurde und was mit ihrem Körper geschah. Sie dachte, wenn sie schlanker gewesen wäre und damit hübscher, dann wäre das nicht passiert. Außerdem hasste sie ihren Körper dadurch. Sie und ihr Körper waren nicht mehr eins. Sie wollte vergessen, sie musste vergessen, dachte sie, um weiterleben zu können und in dem Essen fand sie einen Freund, einen Freund der sie vom Nachdenken abhielt und das wollte sie .Nur das Essen ließ sich nicht mit ihrem Wunsch nach dem schlank sein vereinbaren ,daher kotzte sie. Sie freute sich, als ihre Tage nicht mehr kamen, freute sich darüber, dass sie soviel Einfluss auf ihren Körper hatte. Ihrem Körper aus eigenem Willen so etwas antun zu können. Dem Körper, den sie so hasste. Erst konnte sie es kontrollieren, es war ein schönes Gefühl, über den Körper so eine Macht zu haben, bestimmen zu können Jetzt kotze ich ,nur nach und nach ging dieses Gefühl weg und es war keine Kontrolle über den Körper mehr da.

Er ging ins Bad und kotzte. Ohne darüber nachzudenken. Ohne etwas empfunden zu haben. Kotzte einfach. Das tat er immer. Er musste sich irgendwann nicht mehr den Finger in den Hals stecken. Er kotzte so. Einfach so.

Sie und ihre Freundin machten einen Videoabend mit Popcorn und Pizza. Sie bewunderte ihre Freundin, die Freundin, die schlank, hübsch und beliebt war. Irgendwann ging die Freundin aufs Klo und steckte sich den Finger in den Hals .Als sie dann gucken ging, wo ihre Freundin blieb und die Freundin dann so über dem Klo sah, war sie geschockt, doch die Freundin grinste nur Guck nicht so blöd! Das machen viele. Die Freundin war hübsch, schlank und beliebt, wieso sollte sie es nicht ausprobieren, nur mal gelegentlich kotzen, was ist dabei? Sie würde schlanker werden, hübscher und beliebter. Man kann soviel essen, wie man möchte, man kotzt es ja eh wieder aus. Außerdem, durch das gelegentliche Kotzen kann es ja nicht zur Sucht werden und passieren wird schon nichts, meiner Freundin geht’s doch auch gut. Sie steckte sich auch den Finger in den Hals. Aus dem gelegentlichen Kotzen wurde ein tägliches Kotzen und aus dem täglichen Kotzen ein Kotzen nach jedem Essen, das Kotzen ging von selbst ,sie musste sich nicht mehr lange den Finger in den Mund stecken, nur ganz kurz, dann ging es von selbst. Beliebter oder schlanker wurde sie nicht. Ihre Freundin wurde in die Psychiatrie eingewiesen und starb, sie war geschockt. Das war ihr Glück.

Sie aß. Fraß. Stopfte das ganze Essen in sich hinein. Kaufte mehr ein. Stopfte mehr in sich hinein. Sie kotzte nicht. Sie aß dann einfach eine Weile nichts mehr. Oder rannte. Rannte viel. Machte Sport. Wollte davon rennen. Und fraß. Ohne zu kotzen, rannte sie wieder. Eine Essstörung hatte sie, meinte sie, nicht. Bis es jemandem zufällig auf viel. Sie war ein Non-Purging-Type.

Ihm ging es schlecht. Es gab keinen bestimmten Grund, weswegen es ihm so ging. Es waren viele kleine Gründe .Er hatte Angst davor, dass es ihm schlecht ging. Er wollte lachen und leben, so wie alle anderen halt auch. Er hatte Angst vor den Momenten, in denen ihm alles zu viel wurde, in denen es ihm schlecht ging. Er unterdrückte sie, schluckte sie hinunter .Es ging ihm in den Momenten des Runterschluckens besser .Sonst nicht. Er kotzte es aus. Wollte die Probleme, die schlechten Gefühle auskotzen. Alles sollte raus. Sie blieben. Lachen und Leben gab er vor, zu tun. Leben tat er nicht wirklich .Lachen schon.

Sie wollte Aufmerksamkeit. Die hatte sie auch. Aber sie wollte noch mehr. Sie wollte schlanker sein und dadurch beliebter. Also ging sie ohne groß darüber nachzudenken und ein bisschen auch, weil ihr langweilig war, ins Bad und kotzte, in der Hoffnung, dass es vielleicht jemand merken würde. Oder das sie dünner würde. Oder beides. Sie fand sich krank und bescheuert, kotzte aber öfters. Einfach so. Weil sie Stress hatte. Weil sie fressen und kotzen wollte. Immer hoffte sie, das es jemand merken würde, aber sie betete auch, das es keiner merken würde .Es wurde zur Routine, zur Stütze, zur Hilfe, das Essen und das Kotzen. Die Aufmerksamkeit wollte sie nicht mehr, jedenfalls nicht dadurch. Irgendwann bekam sie sie doch.

Sie wollte gar nichts mehr Essen. Schaffte es auch. Trotzdem, irgendwann, auf das Essen konnte sie nicht mehr verzichten, es schmeckte viel zu gut, aber ein, zwei Kilos abnehmen wäre nicht schlecht .Nach dem Essen ging sie ins Bad, um sich die Zähne zu putzen, die Zähne auf die sie viel wert legte, und betrachtete sich im Spiegel. Wenn ich für ein, zwei Wochen das Essen wieder auskotze, bis ich ein oder zwei Kilo leichter bin. So fett bin ich ja nun auch nicht. Und dann damit aufhöre, ist es ja kein Problem. Sie hatte zwar grade erst eine Dokumentation über Essstörungen gesehen, aber so weit, wie die Menschen darin, würde es bei ihr gar nicht kommen, schließlich würde sie ja nur ein, zwei Kilos runter haben wollen und sich sonst nicht abartig hässlich und fett finden. Es dauerte eine Zeit, bis sie die ein, zwei Kilos runter hatte, es ging nicht so schnell, wie sie es sich wünschte. Sie hatte Angst wieder zuzunehmen, wenn sie ihr Essen nicht mehr auskotzen würde und kotzte weiter, als sie aufhören wollte, konnte sie es nicht mehr so einfach.






LEBEN AUF DEM NULLPUNKT


Wenn man eine Essstörung hat, dann setzt mit der Zeit der gesunde Menschenverstand einfach aus.


In manchen klaren Momenten, auch wenn sie nur ein kurzes Flackern sind, weiß man selbst, wie verrückt man sich verhält. Eventuell sogar, dass man wirklich ein bisschen verrückt ist. Ein gesunder Mensch mag seinen Körper vielleicht von Zeit zu Zeit nicht besonders wundervoll finden, aber er weiß instinktiv, dass es wichtig ist, ihn zu nähren und zu pflegen. Für mich war mein Körper lange Zeit nicht viel mehr als eine Hülle für den Intellekt, den ich über alles andere stellte. Ich verstand nicht, dass ich physische Kraft brauchte, um von A nach B zu gelangen, zu arbeiten, zu denken und vor Allem – zu leben.

Ein Tag im Spiegel
Der Wecker klingelt um 5:30h, obwohl ich eigentlich eine Langschläferin bin. Selbst am Wochenende gönne ich mir nicht viel mehr Schlaf. Gewöhnlich fange ich auch samstags und sonntags bereits um 8:00h an zu lernen und für mein Studium zu arbeiten. Faulheit kommt nicht in Frage. Ich muss arbeiten. Ich muss es gut machen. „Perfektion“ ist das Zauberwort. Mühsam kämpfe ich mich aus dem Bett, gehe ins Bad. Der routinierte Blick in den Spiegel: Fett. Du bist zu fett und musst abnehmen. Ich will dem Befehl gehorchen, ziehe mich an und gehe zum Bäcker um die Ecke. Es ist 6:00h. Jeden Morgen das Gleiche. Ein Laugenbrötchen, ein Körnerbrötchen und ein Plunderstückchen bitte. So sieht meine Tagesration aus. Andere Lebensmittel außer Äpfeln und bestimmten Gemüsesorten, stehen auf meiner privaten schwarzen Liste.
Obwohl die Verkäuferinnen mich eigentlich kennen müssten, grüßen sie mich nie. Ich komme mir anonym vor und bin froh darüber. Dann das vertraute Geräusch meiner Schlüssel in der Haustür. Der Aufzug wartet unten, aber ich benutze ihn nie. Magersüchtige meiden Aufzüge und Rolltreppen wie die Pest. Schließlich verbrennt Treppensteigen Kalorien! In meiner Wohnung (3.Stock) schalte ich den Computer an, hole mir einen Teller und koche mir einen schwarzen Kaffee. Dann beginne ich vor dem Bildschirm zu essen und meine Mails zu checken. Zwei trockene Brötchen, ein Plunder. Wenn nur irgendwie möglich, überstehe ich den Rest des Tages mit Wasser. Mein Diätplan ist viel strikter und organisierter, als noch bei den Diäten in meinem Elternhaus. Wenn möglich bleibe ich unter 1000kcal täglich. Schließlich bin ich frei! Niemand kann mich überwachen. Und durch die fehlende Anwesenheit normaler, gesunder Menschen um mich herum, verliere ich jegliches Gefühl dafür, was „normal“ eigentlich bedeutet. Der Kühlschrank ist leer und abgeschaltet. Ich ertrage es nicht, irgendwelche Vorräte außer Kaffee und Kaugummis in meiner Wohnung zu haben. Das Risiko mit einem Mal alles zu essen was da ist, ist zu groß und Furcht einflössend. Eine unbarmherzige Stimme im Kopf tyrannisiert meinen Alltag.
Du darfst nicht so viel essen.
Du musst mehr Sport machen.
Die Portion ist zu groß.
Da ist zu viel Fett drin.
Das ist verboten.
Du bist einfach ekelhaft.

Eine Stunde Training täglich. Besser zwei. Wenn ich zwei gemacht haben, dann schaffe ich auch noch eine dritte. Besonders stolz bin ich, wenn ich einen Tag inklusive Training überstehe, an dem ich gar nichts esse. Warum hänge ich eigentlich so an dieser blöden Nahrung? Was ist schon ein belegtes Brötchen gegen den Triumph der absoluten Disziplin? Also rein in die Trainingsklamotten.
Mir ist kalt. Sommer wie Winter. Der Winter wird von allen Anorektikerinnen gleichermaßen gefürchtet. Eine Daunenjacke, isolierende Handschuhe, Wollschal und Stiefel sind meine treuen Begleiter bei jedem Gang aus dem Haus. Sich morgens bei Dunkelheit durch den Frost zur Uni zu schleppen, kostet mehr als Überwindung. Wenn die Kälte von außen und von innen kommt, bleibt wenig, was wärmt. Die Essstörung verweigert mir die Energie für meinen Körper und die Arbeit, die meine Dozenten verlangen, saugt meinen Geist und meine psychischen Kräfte aus. Manchmal versagt mein Körper mir einfach die Mitarbeit. Alle Muskeln schmerzen, die Hände und Füße sind eiskalt und blau. Ich bin am Ende meiner Kräfte.

Zurück im Heute
Depression, Burn-Out Syndrom, Anorexia nervosa, Bulimia nervosa. In verschiedenen Abschnitten meines Lebens wurden mir all diese Diagnosen gestellt. Heute bin ich gesund, glücklich verheiratet und stehe wieder mitten im Leben. Es war ein weiter und besonders harter Weg. Aus der Hölle der Essstörung herauszukommen war wahrscheinlich die größte Leistung meines Lebens. Doch wenn die Zeit so schrecklich war, stellt sich manchem sicher die Frage, warum ich überhaupt mit dem Hungern begonnen habe? Die Antwort ist weder schwer noch ungewöhnlich: Vom ersten Moment an war ich nicht mehr einsam. Die Essstörung war immer bei mir und verließ mich nicht. Selbst im Schlaf konnte ich ihrer Gesellschaft nicht entkommen, wenn sie sich in meine Träume einschlich. Sie regelte mein Leben bis ins Detail. Entfremdete mich von meinen Freunden, meiner Familie, von mir selbst und vom Leben im Allgemeinen. Im meinem Kopf schuf ich mir eine eigene Nebenwelt, in der ich die Hauptperson war. Die Welt um mich herum ließ sich ausblenden und bereitete mir so weniger Angst. Mein Leben wurde zu meinem privaten kleinen Melodram. Und die Umwelt hatte wenig dagegen einzuwenden. Die meisten Leute erkennen eine Essstörung auch dann nicht, wenn sie ihnen ins Gesicht spuckt. Selbst mit deutlichem Untergewicht bekam ich noch Komplimente für meine Figur und Frauen fragten mich neidisch, wie ich es schaffe so schlank zu bleiben. Die Wahrheit möchte bis heute niemand hören, alle wünschen sich, sie müssten bloß eine bestimmte Pille schlucken oder von jetzt an nur noch von blauen Tellern essen, um schnell abzunehmen. Doch den Gefallen tue ich niemandem. Ich antworte immer ehrlich, dass sie diese Traumfigur (ein Aberwitz, dass _ anorektische Körper bis zu einem bestimmten Grad verehrt werden) lediglich durch kontrolliertes Essen und viel Sport erreichen können. Enttäuschte Gesichter. Am aller schlimmsten finden die Frauen die wissenschaftlichen Belege über die Set-Point-Theorie, die besagt, dass jeder Körper um ein individuelles Idealgewicht kreist. Das Erreichen dieses Gewichts wird vom zentralen Nervensystem gesteuert (durch Hormonausschüttung) und kann nicht verändert werden. Der Knackpunkt ist: dieses für den eigenen Körper gesunde und einfach zu haltende Gewicht.

1 Kommentar 24.5.08 21:13, kommentieren